Beyond Tellerrand 2018

Das war sie wieder - die Beyond Tellerrand 2018 in Düsseldorf. Ein Veranstaltung die ich immer wieder gerne besuche. Und genau wie in den letzten beiden Jahren, hier wieder gesammelt meine Eindrücke.

Wenn ich richtig gezählt habe, war dies mein siebter Besuch in Düsseldorf. Bevor ich also loslege, will ich kurz aufzählen warum ich die Beyond Tellerrand Konferenz so wertschätze:

Die Leute sind einer der Hauptgründe auf die BTconf zu fahren. Inzwischen habe ich dieselbe Einstellung wie damals auf Musikfestivals. Das LineUp ist irrelevant, die Leute und Stimmung machen es. Zum einen haben wir die Bremer Fraktion, bestehend aus ehemaligen Kollegen, sowie anderen Freiberuflern 1. Dann gibt es noch die zahlreichen Leute die man entweder jedes Jahr wiedertrifft oder zufällig kennen lernt.

Die Sprecher sind eigentlich fast immer gut ausgewählt und repräsentieren das Beste was die Webszene zu bieten hat. Organisator Marc fährt selbst zu Dutzenden Konferenzen und sammelt dort mehr oder weniger die die spannensten Sprecher ein. Das macht die Beyond Tellerrand Konferenz quasi zu einem Best-of.

Die Location 2 ist klasse. Das Capitol Theater hat seinen ganz eigenen Charme. Zwar sind die Stühle nach einigen Stunden ein sprichwörtlicher Pain-in-the-Ass und die Temperaturen bei 29 Grad Celsius Aussentemperatur 3, aber die Atmosphäre ist unschlagbar. Kleine rote Theaterbeleuchtung an kleinen Tischen, eine große Bühne, übergroße Spiegel. All das macht die Location zu etwas besonders 4.

Und noch ein Highlight, etwas was soweit ich weiss immer noch uniqe ist: Baldower. Auf welcher Konferenz haben wir einen DJ der Talks remixt. Und dabei so liebenswert abgeht.

Was die Konferenz auszeichnet ist - und dass suggeriert schon der Name der Konferenz - das unglaublich breite Spektrum der Talks. Zwar ist die BTconf in meinem Umfeld eher als "Frontend" Event verschrieen, aber schaut man sich die Themen an, wird schnell klar dass es weiter über den Tellerrand hinaus geht. Es stehen eine bunte Anzahl von Menschen auf der Bühne, mit Themen aus den Bereichen Typographie, Illustrationen oder Bereiche die ganz weit weg vom Webdesign / Entwicklung sind.

Und dieses Jahr war der Themenbereich offen wie noch nie. Von den diesjährigen 13 Sprechern waren nur vier Leute direkt aus dem Frontend Bereich. Mit dina Amin und Kate Dawkins haben wir sogar zwei Sprecher aus dem Motion Graphics Bereich gehabt. Und genau dass ist die richtige Richtung 5. Ich möchte auf einer Konferenz keine Tuturials oder lange Vorträge über die Semantik von h Attributen lesen. Sowas gibt es zu hauf im Netz. Ich gehe zur Konferenzen um inspiriert zu werden. Um etwas neues zu lernen. Um begeistert zu werden. Und dass schafft die Konferenz auch jedes Jahr 6.

Wenn ich jetzt Kritik äußern muss.

  • Der Opening Talk dieses Jahr war leider kein guter Einstieg. Er war wirklich gut vorgetragen und das Thema war gut gewählt, aber nicht so ein inspirierender Vortrag wie z.B. ein Jeremy Keith.
  • Jetzt habe ich eine Bulletliste angefangen, aber jetzt fällt mir nichts mehr ein.
  • Und der erste Kritikpunkt war jetzt auch schon sehr schwach.
  • Fällt mir nicht noch was ein?
  • Hmm - die Twitterwall hatte weder Gif, noch 280 Zeichen Support.Dieser Tweet hier als Standbild sah ziemlich dumm aus. Bummer.

Highlights

Normalerweise würde jetzt eine Zusammenfassung (fast) aller Talks kommen. Zumindest habe ich dies in den Jahren davor immer auf irgendeine Art gemacht. Angefangen habe ich damit sogar aber dann habe ich dies doch sein gelassen. Wenn man sieht wie gut Mark jedes Jahr seine Konferenz nachbereitet, sehe ich da eigentlich keinen Sinn drin 7.

Darum hier nur ein paar Highlights. Ansonsten empfehle ich noch den Talk von Jared Tarball über generative Designs, Miriam Suzannes Grid System Talk oder Jens Oliver Meiert Webentwickler-Gefahren Talk.

Web Annotation: The Web’s Conversation Layer - Lyza Danger Gardner

In Lyza Danger Gardner's 8 Talk ging es über Web Annotations. Ein W3C Standard, der es erlaubt Anmerkungen, Bilder, Highlights und weitere Informationen an Webseiten zu "pinnen".

Many websites already allow comments, but current annotation systems rely on unique, usually proprietary technologies chosen and provided by publishers. Notes cannot be shared easily across the Web and comments about a Web page can only be saved and viewed via a single website. Readers cannot select their own tools, choose their own service providers or bring their own communities. The adoption of the Web Annotation standards will spell the end of the phrase "Don't read the comments!", returning power to the readers decide where and how they provide and consume such feedback. — Rob Sanders & Timothy Cole, via Hypothes.is

Ich hörte zwar von Web Annotationen, habe mich aber nie wirklich damit auseinander gesetzt. Die Geschichte dieser Technologie geht zurück bis in die 90er. Lyza zählt Tools und Technologien auf wie Third Voice, Annotea oder Google's Sidewiki. Alles Projekte die es aufgrund diverser Faktoren nicht mehr gibt.

Neben einigen technischen Aspekten ging es auch über Chancen und Gefahren von Web Annotationen.

On the one hand, it’s like, yes, people should be able to say whatever they want about anything on the Web; it’s an open Web.

On the other hand, say you’re a content publisher and you’ve just realized there’s an entire layer of metadata about an article you wrote, and it’s awful, scathing, and possibly even untrue or inaccurate. What then? What are you supposed to do? Do we need to make it possible for content publishers to opt out of Web annotation by the use of some sort of crazy HTML attribute or using a script snippet or something, effectively disallowing Web annotations? But then, what happens if this is used by, say, a repressive regime to enforce censorship across a broad swath of sites? And, is it fair to put an onus on content creators to manage the situation?

Und zusammengefasst:

As with the Web, we can totally say that Web annotations are noble, they’re practical, and they’re ours. We have ownership over our data. They can be brilliant and, yet, weirdly flawed at the same time, and the democracy that they inherently bring to the table also makes them somewhat uncontrollable.

So, we’re looking at a fight between freedom and control, the balance between freedom and control, as we have seen for so many years on the Web. We want to be ennobled to express ourselves, but there’s the ever-lurking threat of trolls. How do we figure out how to convert an abstract concept captured in some specs into useful things that users can do real things with - human beings can do real things with? And, how do we avoid falling into the tyranny of abstraction?

Ich denke dass Web Annotations, vorrausgesetzt natürlich dass sie sich durchsetzen, das Web auf Dauer positiv verändern werden. Idealerweise sogar jedes Disqus (oder sonstiges Third Party Kommentarsystem) ersetzen. Noch weiter gedacht könnte es sogar weitere Dienste wie Bookmarkservices obsolet machen. Ein dezentrales Netz ist ein besseres Netz.

No Effing Failure - Vic Lee

Wie jedes Jahr gab es auch wieder einen Illustratoren Talk. Dieses Mal war es Vic Lee aus London und er hat nicht enttäuscht. Vics Zeichnungen entstehen nicht am Computer sondern auf Papier (oder Hauswänden).
Er erzählt von seinem Werdegang als Illustrator und wie mit einer Straßenzeichnung bekannt wurde.

I remember selling; when I first sold the first batch of prints, I dropped off, and delivered them. For the first weekend, I just kept all the money on a table. I was waiting for all these emails to come back going, “Your print is shit. We want our money back,” and they didn’t. They didn’t. I’ve literally had two prints back in maybe seven years, which was incredible.

Vic lässt auch gerne persönliche Geschichten in seine Wandzeichnungen einfliessen. Er fragt nach Geschichten und illustriert diese - unkommentiert - in seine Bilder mit ein.

And, there’s kind of loads of little stories. Yeah, I go into too many details. The point is that when I draw these, I never put a description of what the illustration means because it’s for the client to tell their clients. If a client comes in and says, “What’s that about?” it becomes a storytelling. It makes their work of who they are much more human and approachable as opposed to just being business.

Und eine weitere schöne Geschichte war, wie er einen 300$ Job für das London Tate angenommen hat.

And, I thought to myself, “It’s The Tate. It would be great to have something in The Tate,” so I said yes, and they said, “You know, we’ll add on a royalty fee as well, so we’ll give you, like, 5% of anything that’s sold.”
I thought, “Well, okay, that could work out. I might get sort of 500 quid for it,” but it’s just quite nice to say I’m in Tate.

I did this poster. Two years on, still the biggest selling merchandise in the gallery, and I get the 5% royalties on all the merchandise sold. It sold so well, they then said, “Can you do an entire range for us?”

So, I now have a big stand dedicated to me in The Tate.
The best part about this is I now have an eight-year exhibition at The Tate that I get paid for.

Vic Lee ist nicht nur ein ausgesprochen talentierter Illustrator, sondern auch ein sehr guter Geschichtenerzähler!

A tinker Story - dina Amin

dina Amin 9 kommt aus Ägypten und hat nach ihrem Designstudium nicht wirklich gewusst, was sie als nächstes machen sollte. Darum fing sie an Dinge auseinanderzunehmen. Und zu animieren. Und auf Instagram zu posten. Dabei kommen so unglaublich charmante Videos wie dieses hier zustande:

dina erzählt ihren Anfängen, wo sie einfach nur Dinge auseinander genommen und fotografiert hat. Wie sie damals Stop Motion entdeckt hat und immer weiter erforschte. Das kann man auch gut in ihren Videos sehen. Die sind so süß animiert und man merkt die Liebe zum Detail. Folgt ihr auf Instagram. Bitte.

How to Build an Atomic Bomb - Mike Monteiro

Fangt das verlinkte Video an. Nur die ersten 30 Sekunden. Los jetzt. Ich warte. Gesehen? Ok. DAS ist die Stimmung die Mike's Talk hatte. Laut, Beleidigend, Direkt. Das ist ein Mike Monteiro Talk. Und einer der besten Talks die ich in den letzten Jahren auf der BTconf gesehen habe 10.

In Mikes Talk ging es um Ethik in Webdesign / Entwicklung. Ca. 30% des Talks gehen um Twitter, genauer um @jack. Es geht darum dass jemand wie Donald Trump via Twitter mit Atomschlägen drohen kann, einer Handlung die so ziemlich gegen jede Twitterregel verstößt, im Falle von Trump aber alle Augen zugedrückt werden.

We can’t be surprised when a gun we designed to kill actually kills someone. We can’t be surprised when a database that we designed to catalog immigrants actually gets those immigrants deported. And, when we knowingly produce work that is intended to harm other human beings, we are abdicating our responsibility as designers. When we ignorantly produce work that harms others because we didn’t consider the full ramifications of that work, we are doubly guilty.

Am Ende gab es eine mehrminütige, verdiente Standing Ovation.

Nächstes Jahr wieder?

Ja. Ziemlich sicher. Wobei ich schon länger mit den Gedanken spiele einmal dem Berliner Ableger einen Besuch zu spendieren. Und mit München gibt es inzwischen auch noch eine Tellerrand. Wir werden sehen.

  1. Kurzes Shoutout an Andreas, Kevin, Mark und Dennis

  2. und damit meine ich nicht Düsseldorf, von der Stadt habe ich bis heute nicht mehr gesehen als die Bahnhofsvorstadt

  3. WIE kann es eigentlich sein dass es JEDES JAHR Hochsommertemperaturen gibt? Gibt mir 20 Grad. Das ist vollkommen ausreichend.

  4. Vor einigen Jahren war ich auf einer Frontend Konferenz in der Schweiz. Die Location war damals eine Hochschule. Damals merkte ich - es gibt nichts schlimmeres als eine Konferenz in einem Vorlesungssaal zu machen. Auditorium Klappstühle, seltsames Licht und Uni Atmosphäre tragen nicht zu einem guten Event bei.

  5. Jedenfalls für mich. Ich sprach noch mit einigen Teilnehmern die zum ersten Mal dabei waren und etwas enttäuscht über die fehlende Tiefe waren.

  6. Sicherlich, es gab auch Talks die mich nicht interessiert haben, die gibt es immer. Und ich erwarte auch nicht dass ich bei 13 Vorträgen dauerhaft mit staunenden Gesicht im Publikum sitze. Aber ich geh auch auf kein Festival und schau mir jeden Musikact an.

  7. Und ein bisschen Faulheit ist auch dabei.

  8. Ganz ehrlich - ist dass nicht ein cooler Name?

  9. dina mag das große D nicht. Sieht komisch aus, sagt sie. damit hat sie recht. darum schreib ich es jetzt auch klein.

  10. Neben Josh Brewer (der seinen Talk gesungen hat), Brad Frost (der damals meine Arbeitsweise grundlegend geändert hat) und Mr Bingo (weil er Mr. Bingo ist